Sie
stand in einem Garten inmitten von vielen bunten Blumen. Doch sie glaubte, eine
ganz besondere Blume zu sein, und beschloss deshalb schon im Frühjahr,
nur nicht zu früh aufzublühen, denn sie könnte ja einem Spätfrost
zum Opfer fallen. Als im Mai und Juni eine Blume nach der anderen erblühte
und ihren Duft verströmte, stand sie immer noch in ihrer Knospe und weigerte
sich, ihre Blütenblätter zu öffnen. Sie hatte vielerlei
Bedenken und Ausflüchte, die sie hinderten, sich zu entfalten. So wurde
sie immer ratloser und einsamer. Trotzdem, irgendwo drängte es sie, auch
mitblühen zu können. Es war schon September als sie sich an einem
wunderschönen Morgen aus ihrer harten Schale hervor arbeitete und zu einer
phantastischen Blüte entfaltete. Nun wusste sie auch, dass Blühen
nichts mit Können zu tun hat, sondern mit Sein.
(Frei nach: Kristiane Allert-Wybranietz, Jeder
ist eine Blüte)